Berlin - Norbert Röttgen gibt sich ganz entspannt. Der Bundesumweltminister hofft wenige Wochen vor der Vorstellung des Energiekonzepts, die Kritiker positiv zu überraschen. «Öffentlich wird derzeit fast nur das Thema Kernenergie wahrgenommen», sagt der CDU-Politiker, der Deutschland grüner machen will. Für ihn liegt die eigentliche Substanz an ganz anderer Stelle: «Das Herzstück des Energiekonzeptes ist: Wie fördern wir die erneuerbaren Energien?» Aber viele Fragen sind noch offen, und Röttgen muss sich außerdem mit FDP- Wirtschaftsminister Rainer Brüderle einigen. Der Streit um Details könnte Schwarz-Gelb einen heißen Herbst bescheren.
Problem 1: Es bleibt die Frage, ob Atomkraftwerke überhaupt länger laufen müssen. Durch den langen Stillstand von Meilern wie Krümmel und Brunsbüttel ist jetzt schon klar, dass nach dem noch gültigen rot-grünen Ausstiegsbeschluss der letzte Meiler mindestens 2025 vom Netz gehen würde. Derzeit werden mehrere Szenarien errechnet mit ihren Auswirkungen auf die erneuerbaren Energien. Der noch gültige Atomausstieg ist als «Null-Szenario» dabei. Letztlich soll der genaue Energiemix prognostiziert werden. Weiterer Hemmschuh für längere Laufzeiten ist die erwartete Umgehung des Bundesrats: SPD und Grüne haben für diesen Fall Klagen vor dem Verfassungsgericht angekündigt.
Problem 2: Es gibt auch noch Kohle. 2009 wurden 42,8 Prozent des Stroms aus diesem Rohstoff gewonnen, der aber bei Verbrennung Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) freisetzt und Deutschlands Klimaziele gefährden könnte. Konzerne wie Vattenfall investieren Milliarden in die Entwicklung der CO2-Abtrennung bei der Kohleverbrennung. Fließt zu viel Atom- und Kohlestrom, behindert das aber Wind- oder Sonnenenergie. Und gerade die Stadtwerke in vielen Kommunen haben in regionale, grüne Energiegewinnungsformen investiert. Sie hatten sich auf den Atomausstiegsbeschluss aus dem Jahr 2000 verlassen.
Problem 3: Der Öko-Stromanteil wächst schneller als erwartet - gerade bei Wind- und Solarenergie. Der Anteil von Öko-Strom könnte nach einer Prognose der Regierung bis 2020 bereits von etwa 16 auf 38,6 Prozent steigen. Den Boom der Erneuerbaren hat der Bund möglicherweise ungewollt beschleunigt: Durch die Ankündigung des Rotstifts bei der Solarförderung kam es zum enormen Zuwachs bei Photovoltaikanlagen. In der Branche wird allein für Juni von einer Größenordnung gesprochen, die 845 000 Haushalte mit Strom versorgen könnte.
Problem 4: Wenn es weniger stürmt oder bedeckt ist, gibt es weniger Strom aus Wind und Sonne. Vor allem deshalb sollen nach dem Wunsch vieler Koalitionspolitiker Atom- und Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben, obwohl dadurch mit zu viel Strom zu rechnen ist. Bereits im ersten Quartal 2010 gab es einen großen Überschuss. Atom- und Kohlekraftwerke sind wenig flexibel und für Dauerbetrieb ausgelegt. Technisch wäre es kaum möglich, sie bei Überkapazität abzuschalten.
Das Umweltministerium setzt auf die Entwicklung «intelligenter» Stromnetze und Speichermöglichkeiten für überschüssige Energie aus Öko-Quellen. In der «Regenerativen Modellregion Harz» wird versucht, den Landkreis rund um die Uhr und bei jedem Wetter mit erneuerbarem Strom zu versorgen. Ein virtuelles Kraftwerk vernetzt dafür Wind- und Solarenergie, Biogas und ein Pumpspeicher-Kraftwerk. Ob das Modell längerfristig taugt, wird noch geprüft.
Fest steht: Röttgen steht vor großen Herausforderungen. Er setzt wie Vorgänger Sigmar Gabriel (SPD) darauf, dass die grüne Industrie zu einem neuen Markenzeichen made in Germany werden kann. 300 000 Menschen arbeiten bereits in Erneuerbaren-Branche. Das Ziel der Koalition ist: Von Atom und Kohle zu Sonne, Strom und Wind. Für die stärkere Förderung von Öko-Energien muss aber die Wirtschaft mit ins Boot geholt werden, für die längere Atom-Laufzeiten äußerst lukrativ sind. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat mit Blick auf die geplante Atomsteuer bereits gewarnt, dass die Energieversorger nicht zu stark belastet werden dürfen.
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hält bis 2050 eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien für möglich. Die Regierungsberater betonen aber auch: «In einer Versorgungsstrategie auf der Basis von Kohlekraftwerken und Kernkraftwerken müsste der Anteil der regenerativen Energiequellen deutlich begrenzt werden, wenn diese Grundlastkraftwerke ökonomisch sinnvoll betrieben werden sollen.» Dieser Systemkonflikt ist einer der spannendsten Punkte, auf den Röttgen und Brüderle (FDP) mit dem Energiekonzept eine Antwort finden müssen.
Von Georg Ismar und Marc-Oliver von Riegen, dpa
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