Kern der Verordnung ist es, dass Unternehmen mit Stromabnahmen in der Größenordnung einer mittelgroßen Stadt auf Anforderung des Übertragungsnetzbetreibers innerhalb kürzester Zeit ihre Stromabnahme zu einem Großteil einstellen und vom Netz gehen. Die Kosten würden auf das Netzentgelt umgelegt, das die Bürger über den Strompreis zahlen. Die Maßnahme soll dazu dienen, angesichts von Atomausstieg und einer schwankenden Versorgung mit Solar- und Windenergie eine zu jeder Zeit stabile Energieversorgung zu sichern.
Da nur wenige Großverbraucher dafür infrage kommen, dürften die Mehrkosten nach Schätzung der Regierung höchstens 102 Millionen Euro pro Jahr betragen. «Damit erbringen die betroffenen Unternehmen eine für die Netzstabilität bedeutsame Leistung», wurde im Haus von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) betont. Infrage kommen besonders Aluminium- und Zinkhütten. Aber auch die Chemieindustrie und in geringerem Umfang Produktionsanlagen aus den Industriebereichen Papier und Glas könnten über Kapazitäten verfügen.
Seit der Abschaltung von acht Atomkraftwerken und der zunehmenden Einspeisung von Sonnen- und Windstrom hatte es Warnungen vor zu starken Belastungen für das Netz gegeben. Es fehlen noch mehrere tausend Kilometer an Höchstspannungsleitungen, um das Netz fit zu machen für die Energiewende. Die Industrie ist nach Berechnungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen mit einem Verbrauch von mehr als 40 Prozent größter Stromverbraucher, daher kommt ihr bei einem flexibleren Netzmanagement eine hohe Bedeutung zu.
Die Anti-Atom-Organisation «ausgestrahlt» begrüßte die Pläne für Abschaltprämien. So müsse der Kraftwerkspark im Zuge der Energiewende nicht unnötig aufgebläht werden. «In Frankreich wird dies schon seit Jahren praktiziert und ist für die dortige Industrie kein Problem», sagte Sprecher Jochen Stay. «Dass die Aluminiumschmelze Trimet bereits einen solchen Vertrag mit dem Netzbetreiber 50 Hertz abgeschlossen hat, zeigt, dass dies auch für Großverbraucher hierzulande machbar und ökonomisch sinnvoll sein kann», betonte Stay.
Nicht ganz so positiv erscheint das Vorgehen in den Augen des Zentrums für Wirtschaftsforschung (ZEW). Die aktuellen Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) zur Regelung eines "Lastabwurfs" von Großverbrauchern im Stromnetz gingen zwar durchaus in die richtige Richtung. Empfehlenswerter als das aktuelle Modell sei aber die Ausschreibung, um Flexibitäten der Kunden, die der Energieversorger nicht wissen könne, miteinbeziehen zu können. Allerdings, ein weiterer Netzausbau ist nach wie vor die wichtigste Maßnahme zur Sicherung der Stromversorgung, so das ZEW.
Das ZEW-Energiemarktbarometer hat im November 2011 seine rund 200 Experten um eine Einschätzung gebeten, welche Maßnahmen sinnvoll wären, um die Netzstabilität bei der Stromversorgung zu gewährleisten. 64 Prozent der Befragten sprechen sich für den weiteren Ausbau der Stomnetze aus. Die Hälfte aller Befragten befürwortet eine Versteigerung eines möglichen Lastabwurfs. Hierbei würden die Netzbetreiber die Möglichkeit kurzfristiger Versorgungsunterbrechungen unter ihren Großkunden ausschreiben und die jeweils günstigsten Gebote auswählen. Der aktuelle Entwurf für eine Abschaltverordnung des BMWi legt hingegen die Kompensationszahlungen für bilaterale Verträge zwischen Großabnehmern von Elektrizität und den Netzbetreibern fest. Prof. Dr. Andreas Löschel, Leiter des Forschungsbereichs "Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement" am ZEW, gibt zu bedenken: "Auf Seiten des Regulierers ist wenig bekannt über die tatsächlichen Flexibilisierungspotenziale bei den industriellen Großkunden. Erst deren Berücksichtigung ermöglicht aber eine effiziente Regelung des Lastabwurfs. Es muss sich zeigen, ob die jetzt geplante Regelung die Flexibilisierung der Nachfrage vorantreibt. Dies wäre ein wichtiger Schritt bei der Umsetzung der Energiewende."
Auch die Stromnachfrage von Haushaltskunden kann zur Stabilisierung der Netze beitragen. So sehen knapp die Hälfte (49 Prozent) der befragten Energiemarktexperten im Einsatz von Smart Metern ein geeignetes Mittel, um den Stromverbrauch von Haushalten bei Höchstlast zu reduzieren. Smart Meter sind "intelligente" Stromzähler, die den Haushalten anzeigen, zu welchen Zeiten Strom besonders günstig zur Verfügung steht. Sie können so dazu beitragen, den Stromverbrauch in nachfrageschwache Zeiten zu verlagern. Wenig optimistisch sind die Experten, dass Informations- und Werbekampagnen zielführend wären. Lediglich 30 Prozent von ihnen können sich vorstellen, dass den Haushalten durch Werbung ein anderes Verhalten beim Stromverbrauch abgerungen werden kann, um Lastspitzen zu vermeiden.

