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Europa und Kanada im Clinch um den Teersand (23.02.2012)

Brüssel - Umweltschützer verdammen ihn als dreckigen Rohstoff, Befürworter feiern ihn als Energiequelle der Zukunft. Teersand ist heftig umstritten. Wenn es nach der EU-Kommission geht, wird die ölhaltige Schlacke nun als sehr belastend für das Klima eingestuft. Das würde Treibstoff aus Teersand weniger rentabel machen - ein Rückschlag für den Milliardenmarkt in der EU. Um dem vorzubeugen, zieht Kanada als eines der Länder mit den größten Vorkommen weltweit alle diplomatischen Register. Am Donnerstag stellte ein EU-Expertengremium Weichen zur Bewertung von Teersand.

Ölsand ist, was der Name vermuten lässt: Eine sandige, schwarze Masse. Bei der Verarbeitung wird ihr Öl entzogen, aus dem dann Diesel oder Benzin wird. Einer Studie der Umweltorganisation WWF zufolge schlägt der Abbau mit drei bis vierfach höheren CO2-Emissionen zu Buche als die konventionelle Ölförderung. Um Teersand in großem Stil zu gewinnen, müsse in Kanada ein Areal von der Fläche Englands entwaldet werden.

Teersandabbau in Kanada Bild: WikimediaAuch die EU-Kommission sieht durch Studien belegt, dass Teersand klimaschädlicher ist als klassische fossile Brennstoffe. Wenn sie sich mit ihrem Vorschlag zur Einstufung von Teersand durchsetzt, würde dies Exportländern wie Kanada den Verkauf nach Europa erschweren. Zwar machen Öl oder Diesel aus Teersand derzeit nur 0,01 Prozent des Treibstoffes in der EU aus. Der Anteil dürfte in den nächsten Jahren aber steigen.

Wie heftig der Widerstand aus Nordamerika ist, das belegen auch Briefwechsel zwischen kanadischen Offiziellen und der EU-Kommission. «Wenn ungerechtfertigte, diskriminierende Maßnahmen zur Umsetzung der Treibstoff-Qualitäts-Richtlinie ergriffen werden, wird Kanada nicht zögern, seine Interessen zu verteidigen», schrieb der kanadische Ressourcen-Minister Joe Oliver im Oktober 2011 in einem Brief an die EU-Kommission, dessen Herausgabe die Umweltorganisation «Friends of the Earth» erwirkt hat.

Anlass für die Auseinandersetzung ist eines der selbst gesetzten Klimaschutzziele der EU: Bis zum Jahr 2020 sollen Energiefirmen dafür sorgen, dass durch ihre Antriebsstoffe für den Verkehr sechs Prozent weniger Treibhausgase entstehen, gemessen am Jahr 2010. Klimaschädliche Gase werden für den Abbau, die Verarbeitung und den Verbrauch von Brennstoffen berechnet - mit schlechter Bilanz für Teersand, meint die EU-Kommission. «Es ist nur vernünftig, stärker verschmutzenden Produkten höhere Werte zu geben als weniger verschmutzenden Produkten», sagt Klimakommissarin Connie Hedegaard.

Kanada stellt indes die Qualität der von der EU genutzten und in Auftrag gegebenen Studien zur Einstufung von Teersand infrage. Das Wort «unwissenschaftlich» taucht in Briefen an die EU-Kommission immer wieder auf. Auch in Berlin ließ die Regierung in Ottawa Diplomaten intervenieren: In einem ungewöhnlichen Schritt warnte Kanadas Botschafter Peter M. Boehm den Umweltausschuss des Bundestages vor einer Schlechterstellung von Teersand-Öl. Ein Grünen-Antrag sah vor, der EU-Kommission bei ihren Plänen zur Seite zu springen.

Obwohl die schwarz-gelbe Koalition in dieser Frage uneins ist, wurde der Antrag am 8. Februar zur Freude des kanadischen Botschafters mit knapper Mehrheit abgelehnt. Deutschland hat nach Angaben von Diplomaten derzeit keine Position im Gerangel um den Teersand, die Opposition forderte in einem Schreiben die einst als Klimakanzlerin gefeierte Regierungschefin Angela Merkel (CDU) dazu auf, sich auf die Seite der Kommission zu schlagen.

Umweltschützer sind enttäuscht: «Wenn die Bundesregierung sich wegduckt, überlässt sie das Feld den Regierungen von Großbritannien und Frankreich, die beide dabei sind, ihren Ölkonzernen den Klimaschutz zu opfern», sagte Franziska Achterberg von Greenpeace. Kanada ist wohl auch wegen des Teersandgeschäfts aus dem Kyoto-Protokoll mit verbindlichen Klimaschutzzielen ausgestiegen. Christoph Bals, Politischer Leiter von Germanwatch betont, der frühere Klimaschutz-Vorreiter Kanada spiele in der Klimapolitik eine destruktive Rolle «wie dies Saudi-Arabien schon lange tut».


Von Martina Herzog und Georg Ismar, dpa



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